Problemstellung

In jüngster Zeit herrschte kein Mangel an Kontroversen über die digitale Zukunft des geisteswissenschaftlichen Buches. Sie drehten sich um so unterschiedliche Themen wie das Digitalisieren von großen Quellenbeständen, die Etablierung digital basierter Forschungsheuristiken, die Herausbildung neuer Lektüre- und Schreibgewohnheiten oder die Lancierung von Open-Access-Initiativen. Eine epochen-, disziplinen- und sprachraumübergreifende vergleichende historische Untersuchung des geisteswissenschaftlichen Buches wurde bisher aber nicht unternommen.

Gerade Polemiker gegen das digitale Buch[1] zeigen wenig Interesse an einer fundierten Auseinandersetzung mit den historischen Formen und Funktion einer buchförmigen Geisteswissenschaft. Eine derartige Auseinandersetzung ist aber unerlässlich, wenn Ausdrücke wie mediale „Krisenspirale“, „Spätzeit“ des Buches oder „Krise des Kodex“ mehr als bloße Slogans sein wollen. Auch die vehementen Verteidiger des Buches (die diesem teils sogar eine „große Zukunft“ prognostizieren)[2] operieren mit ungeprüften Annahmen über den Verlauf der Geschichte des geisteswissenschaftlichen Buches.[3]

Um die Qualität und Solidität dieser (zweifellos wichtigen) Diskussion zu erhöhen,[4] bedarf es also einer Untersuchung der bisherigen Rollen des Buches in den Geisteswissenschaften.[5] Dabei kommt es auf eine vergleichende Betrachtung verschiedener Fachrichtungen und Kulturräume an.[6] Eine theoretisch reflektierte Historisierung erlaubt es auch, die aktuelle Debatte von der Fixierung auf die digitale Revolution und der vermeintlichen Alternative „Buch“ oder „Datei“ zu lösen. [7] Blickt man etwa auf die Durchsetzung des wissenschaftlichen Aufsatzes in den Naturwissenschaften des späten 19. Jahrhunderts, so wird deutlich, dass die Ablösung des Buchs als einer zentralen wissenschaftlichen Kommunikationsform außerhalb der Geisteswissenschaften lange vor der digitalen Revolution stattgefunden hat. Dies sollte auch für die Geisteswissenschaften zur Vorsicht aufrufen: Möglicherweise ist der aktuelle Geltungsverlust des gedruckten Buchs in den Geisteswissenschaften nicht ein Phänomen, das allein von der digitalen Revolution abhängt.[8]

Auch in den Verlautbarungen von Verlagen, Verbänden[9] und Förderinstitutionen scheint der Status des geisteswissenschaftlichen Buchs unklar zu sein. So finden sich in den Empfehlungen des Wissenschaftsrates und den Strategiepapieren der Deutschen Forschungsgemeinschaft zum einen Forderungen nach einer geisteswissenschaftlichen Publikationskultur, die sich an naturwissenschaftlichen Standards und peer-reviewed Journals ausrichte; zum andern aber betonen die gleichen Institutionen, das sogenannte opus magnum – eine umfassende Forschungsarbeit in Buchform – sei weiterhin der zentrale Leistungsnachweis eines Geisteswissenschaftlers.

Obwohl das Buch für die Geisteswissenschaften bis in die Gegenwart eine fundamentale Rolle spielt – sowohl als Diskussionsgegenstand als auch als Endprodukt der eigenen Forschung – hat sich die bisherige Geschichtsforschung auf das Buch in den Naturwissenschaften und Lebenswissenschaften bzw. ihren frühmodernen Vorläuferdisziplinen konzentriert.[10] Das mag in der Formenvielfalt des geisteswissenschaftlichen Buchwesens begründet sein. Unklar ist bisher, ob von einer gemeinsamen buchförmigen Publikationskultur in den Geisteswissenschaften überhaupt gesprochen werden kann – was eine Voraussetzung dafür wäre, dass die häufigen Hinweise auf die „Krise“ oder den „Tod“ des geisteswissenschaftlichen Buchs einen analytischen Wert haben.

Ausgehend von einer begriffsklärenden Bemühung hinsichtlich der Kategorie „Buch“ sowie einer Synthese des aktuellen Diskussionsstands in den Buchwissenschaften[11] und der Wissenschaftsgeschichte[12] soll das Arbeitsgespräch die Geschichte des geisteswissenschaftlichen Buchs seit dem 17. Jahrhundert rekonstruieren. Konkret soll das Arbeitsgespräch neben allgemeinen Fragen zu den ökonomischen und rechtlichen Rahmenbedingungen [13] sowie den gestalterischen Möglichkeiten[14] des geisteswissenschaftlichen Buches vor allem die beiden folgenden Fragestellungen ins Zentrum rücken:

Erstens das Buch als symbolischer Gegenstand innerhalb von geisteswissenschaftlichen Wissenskulturen: Das Buch als Qualifikationsschrift und opus magnum, als Instrument des Reputationsgewinns und des self-fashioning, als „Kind“ und „Erbe“ des Geisteswissenschaftlers, als Ausweis ausdauernder Forschung, als Ausdruck von Individualität und Objektivität.

Zweitens das Buch als kognitives Instrument und epistemisches Medium der Geisteswissenschaften: Die Verknüpfung von Buchform und spezifisch geisteswissenschaftlichen Forschungspraktiken, Darstellungsformen und Lektüreprozessen;[15] die wechselseitige Bedingung von geisteswissenschaftlichem Buch und historisch-philologischer Methodik;[16] die Abhängigkeit der geisteswissenschaftlichen Lesepraktiken von spezifischen Buchformaten;[17] die Differenz des Buchs als geisteswissenschaftlicher Erkenntnisform zum populären Sachbuch;[18] der Vergleich des epistemischen Leistungsspektrums der Monographie mit alternativen Formen wie der Sammelpublikation oder dem Zeitschriftenaufsatz;[19] die Divergenz der epistemischen Anforderungen an das Buch in verschiedenen geisteswissenschaftlichen Disziplinen.

Anmerkungen


[1] Vgl. zuletzt Valentin Groebner: Muss ich das lesen? Ja, das hier schon. Wissenschaftliches Publizieren im Netz und in der Überproduktionskrise. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung 06.02.2013, S. N5. Vgl. auch Lindsay Waters: Enemies of Promise. Publishing, Perishing, and the Eclipse of Scholarship. Chicago 2004. Roland Reuß und Volker Rieble: Autorschaft als Werkherrschaft in digitaler Zeit. Frankfurt am Main 2009. Roland Reuß: Ende der Hypnose. Vom Netz zum Buch. Frankfurt am Main 2012.

[2] Umberto Eco und Jean-Claude Carrière: Die große Zukunft des Buches. München 2010.

[3] Wichtige Ausnahmen sind Roger Chartier: Inscrire et effacer. Culture écrite et littérature. Paris 2005. Anthony Grafton: Codex in Crisis. New York 2008. Robert Darnton: The Case for Books. Past, Present, and Future. New York 2009.

[4] Leah Price: Dead Again. In: New York Times 12.08.2012, S. BR30 (Sunday Book Review). Vgl. auch Clemens Zintzen (Hrsg.): Die Zukunft des Buches. Stuttgart und Mainz 2011. Andrew Piper: Book Was There. Chicago 2012.

[5] Christian Jacob: Lieux de savoir. 2 Bde. Paris 2007–2011. Vgl. zur medienhistorischen Topographie des Buchs bereits Roger Chartier: L’Ordre des livres. Lecteurs, auteurs, bibliothèques en Europe entre XIVe et XVIIIe siècle. Aix-en-Provence. 1992.

[6] Sophie Barluet: Éditions de sciences humaines et sociales: le cœur en danger. Rapport de mission pour le Centre National du Livre sur l’édition de sciences humaines et sociales en France. Paris 2004. John B. Thompson: Books in the Digital Age. The Transformation of Academic and Higher Education Publishing in Britain and the United States. Cambridge 2005. Ludwig Delp (Hrsg.): Das Buch in der Informationsgesellschaft. Wiesbaden 2006.

[7] Michael Hagner: Ein Buch ist ein Buch ist ein Buch; keine Datei. In: C. Zintzen (Hrsg.): Die Zukunft des Buches. Mainz 2011, S. 49–51.

[8] So lassen sich mit den bereits vorhandenen Zitationsindices die Leistungen von Wissenschaftlern nur im Bereich der Aufsatzpublikationen leicht quantifizieren: Vgl. Wissenschaftsrat: Empfehlungen zur vergleichenden Forschungsbewertung in den Geisteswissenschaften. Drs. 10030-10. Köln 2010, S. 25–27.

[9] Börsenverein des deutschen Buchhandels: Geisteswissenschaftliche Verlage und Open Access. Was Verlage leisten. Frankfurt am Main 2008. Lynne Withey u.a. (Hrsg.): Sustaining Scholarly Publishing: New Business Models for the University Presses. The Association of American University Presses 2011.

[10] Wenige jüngere Ausnahmen ändern an diesem Sachverhalt nichts: Leslie Howsam: Past into Print. The Publishing of History in Britain 1850–1950. London 2009. Olaf Blaschke: Verleger machen Geschichte. Buchhandel und Historiker seit 1945 im deutsch-britischen Vergleich. Göttingen 2010. Andreas Gardt, Mireille Schnyder und Jürgen Wolf (Hrsg.): Buchkultur und Wissensvermittlung in der Frühen Neuzeit. Berlin 2011. Ian Maclean: Scholarship, Commerce, Religion: the learned book in the Ages of Confessions, 1560–1630. Cambridge, MA 2012.

[11] Vgl. für einen Überblick Leslie Howsam: What is the Historiography of Books? In: The Historical Journal 51 (2008), S. 1089–1101. Carlos Spoerhase: Perspektiven der Buchwissenschaft. In: Zeitschrift für Germanistik 1/2011, S. 145–152.

[12] Maßgeblich sind hier vor allem: Adrian Johns: Science and the book in modern cultural historiography. In: Studies in History and Philosophy of Science 29 (1998), S. 167–194. Marina Frasca-Spada und Nicholas Jardine: Books and the Sciences in History. Cambridge 2000. Vgl. für den deutschsprachigen Bereich Ute Schneider: Buchwissenschaft und Wissenschaftsgeschichte. In: St. Füssel (Hrsg.): Im Zentrum: das Buch. 50 Jahre Buchwissenschaft in Mainz. Mainz 1997, S. 50–61.

[13] Vgl. dazu Georg Jäger: Wissenschaft und Buchhandel. Zur Ausdifferenzierung des wissenschaftlichen Buchhandels. Siegen 1990. Georg Jäger: Der Universal-, Fakultäten- und Universitätsverlag. / Der wissenschaftliche Verlag. In: Ders. (Hrsg.): Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert. Bd. 1, Tl. 1. Berlin und New York 2001, S. 406–472. Ute Schneider: Der wissenschaftliche Verlag. In: E. Fischer und St. Füssel (Hrsg.): Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert. Bd. 2, Tl. 1. Berlin und New York 2007, S. 379–440. Monika Estermann und Ute Schneider: Wissenschaftsverlage zwischen Professionalisierung und Popularisierung. Wiesbaden 2007. Vgl. auch Olaf Blaschke und Hagen Schulze (Hrsg.): Geschichtswissenschaft und Buchhandel in der Krisenspirale? Eine Inspektion des Feldes in historischer, internationaler und wirtschaftlicher Perspektive. München 2006.

[14] Vgl. allgemein dazu Susanne Wehde: Typographische Kultur. Eine zeichentheoretische und kulturgeschichtliche Studie zur Typographie und ihrer Entwicklung. Tübingen 2000.

[15] Lutz Danneberg und Jürg Niederhauser: Darstellungsformen der Wissenschaften im Kontrast. Aspekte der Methodik, Theorie und Empirie. Tübingen 1998. Karl A. E. Enenkel und Wolfgang Neuber (Hrsg.): Cognition and the Book. Typologies of Formal Organisation of Knowledge in the Printed Book of the Early Modern Period. Leiden 2005. Christof Windgätter: Zur Epistemologie der modernen Buchgestaltung. Wiesbaden 2010.

[16] Helmut Zedelmaier und Martin Mulsow (Hrsg.): Die Praktiken der Gelehrsamkeit in der Frühen Neuzeit. Tübingen 2001. Roy K. Gibson und Christina Shuttleworth Kraus (Hrsg.): The classical commentary : histories, practices, theory. Leiden 2002. Ralph Häfner und Markus Völkel (Hrsg.): Der Kommentar in der Frühen Neuzeit. Tübingen 2006. Ann Blair: Too Much to Know: Managing Scholarly Information before the Modern Age. New Haven 2010.

[17] Andrew Abbott: Library Research Infrastructure for Humanistic and Social Scientific Scholarship in the Twentieth Century. In: Ch. Camic, N. Gross und M. Lamont (Hrsg.): Social Knowledge in the Making. Chicago 2011, S. 43–87.

[18] Vgl. aus dem Bereich der Sachbuchforschung vor allem Andy Hahnemann und David Oels (Hrsg.): Sachbuch und populäres Wissen im 20. Jahrhundert. Frankfurt am Main u.a. 2008.

[19] Alex Csiszar: Seriality and the Search for Order: Scientific Print and its Problems during the Late Nineteenth Century. In: History of Science 48 (2010), S. 399–434.

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