Zusammenfassungen/Abstracts 3. April 2014

Auf dieser Seite finden Sie die Abstracts zu den jeweiligen Vorträgen des ersten Arbeitsgespräch-Tages. Sie ist noch nicht komplett. Wir werden die neuen Abstracts immer nach dem Erhalt hochladen, damit die KommentatorInnen Zeit haben, ihre Kommentare vorzubereiten.

Buchkritik als Kulturkritik

Michael Hagner (ETH Zürich)

In meinem Vortrag vertrete ich  die These, dass die in den letzten Jahren deutlich vernehmbare Kritik am gedruckten Buch für eine Form von Kulturkritik steht, die ihr Unbehagen an der Gegenwart nicht durch Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“ artikuliert, sondern durch eine Heilserwartung, die sich ganz den technischen Möglichkeiten des Digitalen anheimgibt. Dabei steht das Buch stellvertretend für eine ganze Palette von wissenschaftlichen und kulturellen Verhaltensweisen, die als Hemmschuh bei der Durchsetzung der digitalen Wissenskultur angesehen werden. Anstatt die unterschiedlichen Stärken von Papier und Digitalisat hervorzuheben und zu fragen, wo mögliche Synergien liegen könnten, wird ein rivalisierender Gegensatz zwischen beiden postuliert, der eine Entscheidung verlangt. Diese Art von Buchkritik als Kulturkritik möchte ich in eine längere Tradition der Kritik am Buch einordnen, in der ähnliche Verhaltens- und Argumentationsmuster immer wiederkehren. Der Vortrag endet mit einem kurzen, leidenschaftlichen Plädoyer für das gedruckte Buch.

Geist im Sachbuch? Das schwierige Verhältnis der Wissenschaft zu ihrer Popularisierung

David Oels (Mainzer Institut für Buchwissenschaft)

Neben dem „Geist“ und den „Wissenschaften“ enthält der Titel zwei weitere keineswegs unproblematische Begriffe: Sachbuch und Popularisierung. Für das Sachbuch kursieren diverse Definitionen. Von einer Sammelbezeichnung für den gesamten nicht-fiktionalen Teil des Buchwesens reichen die Bestimmungen bis zum „wissensorientierten“ Buch mit „primär privatem Nutzwert“ in der seit 2007 im deutschen Buchhandel geltenden Warengruppensystematik, von den Anfängen schriftlicher Aufzeichnungen überhaupt bis zu einer im zweiten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts entstandenen Literaturgattung. Unter Popularisierung wiederum versteht man die hierarchische und unidirektionale Vermittlung gesicherten wissenschaftlichen Wissens an ein disperses Publikum über verschiedene Strategien der Vereinfachung und Anreicherung mit Unterhaltungselementen ebenso wie die akademische und gesellschaftliche Wissensdissemination als wechselseitigen Prozess, der die Wissensproduktion ebenso betrifft wie das Alltagswissen, zwischen verschiedenen Wissenschaften ebenso stattfindet wie zwischen Wissenschaften und Öffentlichkeit. Sicher ist man sich jedoch weitgehend, dass Sachbücher popularisiertes Wissen beinhalten und popularisiertes Wissen im Buch in der Regel als Sachbuch vorkommt. Der Vortrag untersucht dieses vielgestaltige Feld im Hinblick auf die signifikanten Unterschiede zwischen den Natur- und den Geisteswissenschaften im 19. und insbesondere in den ersten zwei Dritteln des 20. Jahrhunderts.

Im 19. Jahrhundert entstand eine (naturwissenschaftliche) Populärwissenschaft, die zwar auf die (Natur-)Wissenschaft angewiesen blieb und sich an ihr orientierte jedoch nicht nur (Fort-)Bildungsinteressen und Wünsche nach gesellschaftlicher Teilhabe bediente, sondern gleichzeitig Unterhaltungs- und ganz besonders Sinnstiftungsbedürfnisse in der säkularen Welt befriedigte. Für den Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts erkennt Arne Schirrmacher eine Art Umbruch in dem Beriech der öffentlichen Wissenschaft. Das auf dem Defizitmodell beruhende Konzept der Wissenschaftspopularisierung sei verabschiedet und an dessen Stelle mit der „Wissenschaftsvermittlung“ ein Modell getreten, das nun auch Einblick in die wissenschaftliche Methodik und Begründungsrationalität zu geben suchte und dabei den Produktionsprozess des wissenschaftlichen Wissens ins Zentrum stellte. Gleichzeitig wurde – vehement etwa im Zusammenhang mit dem „Relativitätsrummel“ nach 1919 – die prinzipielle Undurchschaubarkeit der Naturwissenschaft für Laien zelebriert. Im naturwissenschaftlichen Sachbuch lässt sich dieser Umbruch insofern nachweisen, als die „Weltanschauungsliteratur“ zunehmend ersetzt wird durch Erzählungen von Wissenschaft und Wissenschaftlern. Insgesamt hat dieser Ausdifferenzierungsprozess zur Folge, dass Naturwissenschaft und ihre Popularisierung sich zunehmend – auch medial (Zeitschriftenaufsatz vs. Sachbuch) – nicht mehr auf einer Ebene begegneten und weniger konkurrierten als koexistierten.

Im Bereich der Geisteswissenschaft ist dies durchweg anders. Weniger sind es Popularisatoren, die sich der Verbreitung geisteswissenschaftlichen Wissens annehmen, sondern vielfach die Wissenschaftler selbst, die von sich und ihrer Wissenschaft erwarten, bzw. von denen öffentlich erwartet wird, dass sie unmittelbar populär sprechen und schreiben. Ein eigentlicher Popularisierungsvorgang wird dabei als unnötig erachtet. Nicht zuletzt weil Geisteswissenschaft unmittelbar in Sprache stattfindet, wird in der Regel kein Anlass für eine nachträgliche Übersetzung gesehen. Statt Popularisatoren, die sich als Diener von Publikum und Wissenschaften gleichermaßen verstanden, nahmen sich verschiedentlich Autoren und Journalisten geisteswissenschaftlicher Wissensbestände und Gegenstände an, die dann – im und mit dem Buch – der Wissenschaft auf gleicher Ebene begegneten und um Käufer, Aufmerksamkeit und Deutungsmacht konkurrierten. Als prägnantes Beispiel lässt sich die vehemente Auseinandersetzung um Emil Ludwig und die historische Belletristik in der Weimarer Republik anführen.

Anhand einiger renommierten Sachbuchreihen aus den ersten zwei Dritteln des zwanzigsten Jahrhunderts werden diese Unterschiede zwischen naturwissenschaftlichem und geisteswissenschaftlichem Sachbuch abschließend verdeutlicht.

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