Zusammenfassungen/Abstracts 5. April 2014

Auf dieser Seite finden Sie die Abstracts zu den jeweiligen Vorträgen des dritten Arbeitsgespräch-Tages. Sie ist noch nicht komplett. Wir werden die neuen Abstracts immer nach dem Erhalt hochladen, damit die KommentatorInnen Zeit haben, ihre Kommentare vorzubereiten.

French Theory : Professoren, Intellektuelle, Schriftsteller ?

Vincent Kaufmann (Universität St. Gallen)

Haben geisteswissenschaftliche Bücher eine Zukunft, oder werden sie auch bald durch digitale Produkte ersetzt, bei denen sich dann vermutlich das Format Aufsatz definitiv als massgebend durchsetzen wird (On-line peer-rewieved Journals lassen grüssen)? Zu vermuten ist, dass die Antworten auf diese Frage wie immer auseinandergehen, mit einerseits der Rieplschen Fraktion, deren Aufgabe darin besteht, den Medienwandel zu beschwören und entsprechend zu behaupten, neue Medien würden alte nie ausschalten, Bücher würde es immer geben, auch geisteswissenschaftliche, und andererseits die Futurologen, die mit der Regelmässigkeit eines Metronoms neue Welten ankündigen, in denen alles Alte verschwinden wird, aber insbesondere die Printmedien.

Das Problem bei solchen Fragestellungen ist, dass sie eigentlich nicht viel Sinn machen. Sie halten sich an das Buch als „organisierte Materie“ (Debray), und vernachlässigen meistens die Tatsache, dass sich die Kategorie Buch in zahlreiche unterschiedliche Funktionen aufbrechen lässt, die nur mehr oder weniger an den traditionellen Träger Buch gebunden sind. In diesem Sinne sind auch die geisteswissenschaftlichen Bücher vom Canady Dry Symptom betroffen: Es gibt sie freilich noch, sie sehen auch meistens noch wie geisteswissenschaftliche Bücher aus, aber es sind nicht mehr geisteswissenschaftliche Bücher wie wir sie vor ein paar Jahrzehnten gekannt haben. Möglicherweise ist eben der Geist nicht mehr da, genau wie auch der Alkohol im Canada-Dry fehlt. Einst eine überschaubare Menge an eleganten und manchmal tiefsinnigen Monographien, die gelegentlich auch zu Publikumserfolge wurden, heute subventionierte Sammelbände, die kaum noch gelesen werden, mit Aufsätzen, die sich auf Gerüste reduzieren, an die die so wichtigen und immer zahlreicheren Fussnoten auf- oder anzuhängen sind. Um es noch einmal mit Debray auszudrücken: Die organisierte Materie ist freilich immer noch zu haben, aber wie steht es mit den materialisierten Organisationen, mit denen einem Buch erst einen Sinn und eine Funktion zukommt? Wie steht es mit dem ökonomischen Umfeld des geisteswissenschaftlichen Buches, oder mit dem, was Bourdieu als die symbolische Oekonomie des Feldes bezeichnet? Wie entwickeln sich Autorschaft und Autorität im Feld der Geisteswissenschaften? Hat ein geisteswissenschaftlicher Autor in 1970 (also ziemlich genau als Michel Foucault von der „Autorfunktion“ sprach) die gleiche Funktion wie ein Autor um 2014? Und wird man heute auf die gleiche Weise Geistes- oder Kulturwissenschaftler (an und für sich eine nicht unbedeutende Verschiebung) wie in 1970, sind die Legitimierungsprozeduren die gleichen?

Man wird hier versuchen, solche Fragen mit (vergleichendem) Blick auf die French Theory der 1960-1980er Jahre zu beantworten, die hier als perfektes Gegenbild der gegenwärtigen wissenschaftlichen Autorschaft eingesetzt wird. Den dazu gehörenden Autoren (Barthes, Kristeva, Derrida, Foucault, Deleuze, Baudrillard usw.) lag sehr wenig an „Wissenschaft“ und sehr viel an „Autorschaft“, obschon – bzw. gerade weil – sich die meisten zum „Tod des Autors“ bekannt hatten, ausdrücklich oder implizit. Und alle diese Autoren haben Bücher hinterlassen, die heute noch bewundert werden und ironischerweise in den damals unbekannten citation indexes an der ersten Stellen fungieren. In welchem ökonomischen, institutionellen und kulturellen Kontext sind solche Autorschaften entstanden, was für ein Können war dabei erforderlich, und wieso scheint es mit diesem Können heute zu einem Ende zu gekommen? Es ist mehr als unsicher, dass auch wir in 50 Jahren in den citation indexes zu finden sein werden.

Theorie im Zeitalter der Taschenbuchrevolution

Philipp Felsch (Humboldt-Universität zu Berlin)

Es gibt keinen Tod des Buches, sondern eine neue Art des Lesens.

Deleuze & Guattari 1977

Der Vortrag geht den Hintergründen der sog. „Theory Revolution“ (Tony Judt) nach, die die intellektuelle Kultur der westlichen Gesellschaften sowohl inner- als auch außerhalb der Universitäten seit den 1960er Jahren stark geprägt und verändert hat. Er geht davon aus, dass die Theoriekonjunktur insofern als Rezeptionsphänomen untersucht werden muss, als der Form, der Zirkulation und der Gebrauchsweise von Büchern eine bis dato stark unterschätzte Bedeutung zukommt. Die Theoriekultur der Nachkriegszeit, so die These, hat sich zwischen der Recodierung „bürgerlicher“ Buchgelehrsamkeit und der Diagnose vom Ende der Gutenberg-Galaxis entfaltet, was den stark reflexiven Zug der Gattung erklärt. Über weite Strecken nimmt Theorie die Form eines Experiments an den Medien und den Praktiken der Lektüre an. So ist das Genre von Anfang an programmatisch ans Taschenbuch gebunden. So erprobt es in den 1970er Jahren Formen des vormodernen, kollektiven Lesens. So markiert das Auftauchen von Bildern in den 1980er Jahren die Abkehr von den Bleiwüsten des Neomarxismus etc. Parallel zu diesen und vergleichbaren Entwicklungen setzen eine intensive Theoretisierung und Historisierung des Textes und der Lektüre ein. Anhand ausgewählter Beispiele aus der (bundesrepublikanischen) Theoriegeschichte sollen die skizzierten Zusammenhänge diskutiert werden.

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